Universitätsprofessur MINT: Wege, Anforderungen und Zeitplan
Wer in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik eine Universitätsprofessur anstrebt, betritt ein Feld, in dem neben der klassischen Habilitation mehrere andere Qualifikationswege ausgebaut sind. Wie häufig welcher Weg tatsächlich zur Berufung führt, weist keine der geprüften Quellen aus — die folgende Darstellung beschreibt, was Ausschreibungen und Förderprogramme sichtbar machen, und ist insoweit Redaktionsposition. Das Emmy Noether-Programm, die Juniorprofessur mit Tenure Track und die Leitung einer Nachwuchsgruppe an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung haben sich als gleichwertige — teilweise sogar bevorzugte — Wege zur Berufung etabliert. Gleichzeitig sind die Anforderungen an Publikationsleistung, Drittmitteleinwerbung und internationale Sichtbarkeit in MINT besonders hoch und besonders messbar.
Auf die MINT-Fächer entfällt ein erheblicher Anteil aller hauptberuflichen Professuren in Deutschland (Gesamtzahlen: Statistisches Bundesamt, „Personal an Hochschulen"). Allein in Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik sind tausende Professuren an Universitäten und Technischen Universitäten besetzt. Durch die Alterstruktur des bestehenden Personals — viele Professuren wurden in den 2000er-Jahren erstbesetzt — stehen in den kommenden Jahren zahlreiche Neuberufungen an, was die Chancen für qualifizierte Nachwuchskräfte verbessert.
Welche Rolle spielt die Habilitation in MINT?
In den MINT-Fächern gilt die Habilitation weithin nicht als der übliche Weg zur Professur. Wer sie trotzdem abschließt, erhält je nach Landesrecht mit ihr die Lehrbefugnis oder kann sie anschließend beantragen; an sie knüpft das Landesrecht die Bezeichnung Privatdozentin oder Privatdozent. In Zahlen belegen lässt sich das mit den geprüften Quellen nicht: Die Habilitationsstatistik zeigt, wie sich alle Habilitationen auf die Fächergruppen verteilen (siehe den nächsten Abschnitt), nicht, welchen Weg die in einem Fach Berufenen gegangen sind. Was hier folgt, ist deshalb Redaktionsposition und beschreibt, was in Ausschreibungen und Berufungsverfahren sichtbar wird. Der genannte Grund ist pragmatisch: Die internationalen Standards in Physik, Chemie, Biologie, Informatik und den Ingenieurwissenschaften orientieren sich am angelsächsischen Modell, in dem es keine Habilitation gibt. Wer nach der Promotion zwei bis vier Jahre als Postdoc im Ausland arbeitet, dort publiziert und Drittmittel einwirbt, hat aus Sicht einer Berufungskommission oft ein stärkeres Profil als jemand, der sechs Jahre lang an einer deutschen Universität habilitiert hat.
Den Rückgang gibt es, und er ist beziffert. Der BuWiK 2025 wertet aus, welche letzte Vorqualifikation Erstberufene auf eine Lebenszeitprofessur hatten. Über alle Hochschulen sank der Anteil der Habilitation von 20 % (2016) auf 15 % (2022); an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen von 36 % auf 27 %. Zugenommen haben im selben Zeitraum die „sonstigen habilitationsadäquaten Leistungen“ (11 % auf 15 %). Der Bericht ordnet das selbst ein: Der Trend liege „wahrscheinlich nicht alleine daran, dass Habilitierte nach der Habilitation oftmals weitere Vorqualifikationen (wie eine Juniorprofessur) aufzuweisen haben“, und er sei „nicht allein durch eine höhere Zahl an Professuren an FHs/HAWs getrieben“. Viele Ausschreibungen in diesen Fächern verlangen explizit „Habilitation oder gleichwertige wissenschaftliche Leistungen“, wobei die Gleichwertigkeit in der Praxis großzügig interpretiert wird: Eine Emmy Noether-Gruppenleitung, eine Juniorprofessur oder eine vergleichbare eigenständige Forschungsphase genügen in aller Regel.
Wie viele MINT-Habilitationen gibt es überhaupt?
Zehn Prozent aller Habilitationen entfallen auf die Fächergruppe Mathematik, Naturwissenschaften. Das ist eine Anteilszahl an der Gesamtmenge der Habilitationen — sie sagt, wie sich die 1.535 Habilitationen des Jahres auf die Fächer verteilen, nicht, welchen Weg die Berufenen eines Fachs gegangen sind. Für diese zweite Frage gibt es eine eigene Auswertung; sie steht im nächsten Abschnitt.
| Fächergruppe | Anteil an den abgeschlossenen Habilitationen 2022 |
|---|---|
| Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften | 57 % |
| Geisteswissenschaften | 14 % |
| Mathematik, Naturwissenschaften | 10 % |
| Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften | 10 % |
| weitere Fächergruppen (darunter die Ingenieurwissenschaften) | jeweils deutlich weniger |
Grundgesamtheit: N = 1.535 abgeschlossene Habilitationen 2022 (BuWiK 2025, Abb. B14, nach der Habilitationsstatistik des Statistischen Bundesamtes, GENESIS-Tabelle 21351-0001). Die vier genannten Anteile stehen so im Fließtext des Berichts; die übrigen Fächergruppen sind dort nur als „jeweils deutlich weniger“ beschrieben und werden hier nicht auf einzelne Werte aufgeteilt.
Der Bericht nennt zugleich, wo die MINT-Fächer stark vertreten sind: bei den Tenure-Track-Professuren (dort gehören Mathematik und Naturwissenschaften zu den beiden stärksten Fächergruppen) und bei den Nachwuchsgruppenleitungen (dort die meisten überhaupt). Was das Gesetz sagt, ist unabhängig davon eindeutig — es nennt drei Wege als gleichwertig: Die zusätzlichen wissenschaftlichen Leistungen können „durch eine Habilitation, im Rahmen einer Juniorprofessur oder durch gleichwertige wissenschaftliche Leistungen“ nachgewiesen werden (Art. 57 Abs. 1 Satz 3 BayHIG), und die Leitung einer Nachwuchsgruppe stellt unter den Voraussetzungen des Art. 98 Abs. 10 Satz 5 BayHIG eine solche gleichwertige Leistung dar (Satz 4).
Womit waren die Berufenen zuletzt qualifiziert?
In Mathematik und den Naturwissenschaften stand 2022 bei 35 von 200 Erstberufungen auf Lebenszeit die Habilitation als letzte Vorqualifikation, bei 59 eine „sonstige habilitationsadäquate Leistung“. Das ist die Auswertung, die die Frage nach dem Weg beantwortet — nicht die Habilitationsstatistik, die nur zählt, wie viele habilitieren.
| Letzte Vorqualifikation bei der ersten Berufung auf Lebenszeit, 2022 | Mathematik, Naturwissenschaften | Ingenieurwissenschaften | alle Fächer |
|---|---|---|---|
| Erstberufungen insgesamt | 200 | 487 | 1.583 |
| Habilitation | 35 | 22 | 238 |
| sonstige habilitationsadäquate Leistung | 59 | 64 | 241 |
| Juniorprofessur mit Tenure Track | 10 | 2 | 40 |
| Juniorprofessur ohne Tenure Track | 19 | 16 | 71 |
| W 2-Professur mit Tenure Track | 13 | 5 | 41 |
| W 2-/W 3-Professur (befristet) | 8 | 19 | 101 |
| Nachwuchsgruppenleitung | 11 | 2 | 27 |
| besondere berufliche Qualifikation | 10 | 55 | 133 |
| Promotion (bei Professuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften) | 18 | 275 | 554 |
| Sonstiges | 17 | 27 | 137 |
Anzahl der Erstberufungen auf Lebenszeit an Hochschulen 2022. Quelle: BuWiK 2025, Tab. B32, nach einer Sonderauswertung der Hochschulpersonalstatistik des Statistischen Bundesamtes. Die Werte sind der Tabelle entnommen; Anteile werden hier nicht gebildet — die Prozentwerte, die der Bericht selbst nennt, stehen im Absatz darunter.
Die wichtigsten Qualifikationswege im Überblick
1. Emmy Noether-Nachwuchsgruppe (DFG)
Das Emmy Noether-Programm der DFG gilt als der prestigeträchtigste Weg zur Professur in den MINT-Fächern. Die Geförderten leiten sechs Jahre lang eine eigene Forschungsgruppe, betreuen Doktoranden und werben eigenständig Mittel ein. Die Bewilligungsquote ist niedrig — die Auswahl also hochkompetitiv. Der entscheidende Vorteil: Ein hoher Anteil der Emmy Noether-Geförderten erhält während oder kurz nach der Förderphase einen Ruf auf eine Professur; die Übergangsquote gilt als eine der höchsten unter den Qualifikationswegen (Programmangaben der DFG). Wer eine Emmy Noether-Gruppe vorweisen kann, signalisiert Berufungskommissionen dreierlei: wissenschaftliche Exzellenz, Selbstständigkeit und Führungskompetenz.
2. Juniorprofessur mit Tenure Track
Die Juniorprofessur hat sich in den MINT-Fächern besonders erfolgreich etabliert. Im Rahmen des Bund-Länder-Programms zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses wurden seit 2017 zahlreiche Tenure-Track-Professuren geschaffen, ein großer Teil davon in Mathematik und Naturwissenschaften (Programmangaben BMBF/GWK). Das Erstberufungsalter auf eine Juniorprofessur liegt insgesamt bei 35,8 Jahren, auf eine W 2-Professur bei 42,2 (BuWiK 2025, Tab. B12 — die Fächergruppen stehen unten). Ob die Juniorprofessur in den MINT-Fächern häufiger zur Professur führt als die Habilitation, lässt sich mit den geprüften Quellen nicht sagen — dafür bräuchte es Daten über den Weg der Berufenen, nicht über die Zahl der Abschlüsse.
3. Nachwuchsgruppenleitung an außeruniversitären Einrichtungen
Die großen deutschen Forschungsorganisationen — Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Fraunhofer-Gesellschaft — bieten eigene Nachwuchsgruppenleitungen an, die als habilitationsaequivalent gelten. Max-Planck-Forschungsgruppenleiter genießen international höchstes Ansehen und werden von Berufungskommissionen häufig direkt auf W3-Professuren berufen, oft in Kooperation mit einer benachbarten Universität (sogenannte W2-/W3-Kooperationsprofessuren). An der Helmholtz-Gemeinschaft gibt es vergleichbare Programme, etwa die Helmholtz Young Investigator Groups, die neben der Gruppenfinanzierung oft auch eine Anbindung an eine Universität bieten.
4. ERC Starting Grant
Der ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrats hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem der stärksten Karrierebeschleuniger in den MINT-Fächern entwickelt. Deutschland gehört dabei regelmäßig zu den erfolgreichsten Standorten (jährliche Ergebnisse: Europäischer Forschungsrat, ERC). Die Förderung von bis zu rund 1,5 Mio. € über fünf Jahre ermöglicht den Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe und wird von Berufungskommissionen als herausragende Qualifikation gewertet. Wie oft auf einen ERC Starting Grant ein Ruf folgt, weist keine der geprüften Quellen aus.
5. Heisenberg-Programm (DFG)
Das Heisenberg-Programm richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits für eine Professur qualifiziert sind. Wer antragsberechtigt ist, steht in den Programmbedingungen der DFG. Es bietet mehrere Varianten — darunter das Heisenberg-Stipendium, die Heisenberg-Stelle und die Heisenberg-Professur, die von der DFG für drei bis fünf Jahre finanziert und danach von der Universität übernommen wird. In den MINT-Fächern dient das Heisenberg-Programm oft als Brücke zwischen einer abgeschlossenen Emmy Noether-Phase und dem endgültigen Ruf.
Publikationen: Was Berufungskommissionen sehen wollen
In den MINT-Fächern sind Publikationen in internationalen Fachzeitschriften das zentrale Bewertungskriterium. Die Qualität wird über eine Reihe von Metriken beurteilt, die zwar alle Schwächen haben, aber in der Praxis dennoch eine erhebliche Rolle spielen:
- Journal Impact Factor (JIF): Berufungskommissionen schauen, ob Sie regelmäßig in Zeitschriften mit hohem Impact Factor publizieren. In der Physik wären das etwa Physical Review Letters oder Nature Physics, in der Chemie das Journal of the American Chemical Society oder Angewandte Chemie, in der Biologie Nature, Science oder Cell.
- h-Index: Der h-Index gibt an, wie viele Ihrer Publikationen mindestens h-mal zitiert wurden. Er wird zwar zunehmend kritisiert, findet sich aber nach wie vor in vielen Berufungsunterlagen. Berufungskommissionen betrachten die Zitationswirkung; die konkreten h-Index-Erwartungen variieren jedoch stark nach Fach, Karrierephase und Publikationskultur und lassen sich nicht pauschal beziffern.
- Erstautorschaft und korrespondierende Autorschaft: Besonders wichtig ist, wie viele Ihrer Publikationen Sie als Erst- oder Letztautorin beziehungsweise -autor veröffentlicht haben. Das zeigt wissenschaftliche Eigenständigkeit.
Sonderfall Informatik: Konferenzen statt Journals
Die Informatik weicht vom klassischen Zeitschriftenmodell ab. In vielen Teilgebieten — insbesondere Machine Learning, Computer Vision, Natural Language Processing und Datenbanken — sind Konferenzpublikationen das Leitmedium. Veröffentlichungen auf NeurIPS, ICML, ICLR, CVPR, ACL oder SIGMOD gelten als gleichwertig oder sogar höherwertiger als Zeitschriftenartikel, weil die Begutachtungsverfahren extrem selektiv sind und die Ergebnisse schneller verfügbar werden. Berufungskommissionen in der Informatik wissen das und bewerten entsprechend. Wer sich in Deutschland auf eine Informatikprofessur bewirbt, sollte allerdings bedenken, dass fachfremde Kommissionsmitglieder diese Konferenzkultur nicht immer kennen — eine kurze Erklärung der Akzeptanzraten und der Bedeutung der Venue in den Bewerbungsunterlagen kann sinnvoll sein.
Sonderfall Ingenieurwissenschaften: Patente und Transfer
In den Ingenieurwissenschaften spielen neben Journalpublikationen auch Patente, technische Transfers und Industriekooperationen eine wesentliche Rolle. An einer TU oder an Fakultäten mit starkem Anwendungsbezug wird positiv bewertet, wer neben seinen Publikationen auch Schutzrechte vorweisen kann, Spin-offs begleitet hat oder substanzielle Industriedrittmittel eingeworben hat. Reine Grundlagenforschung ist in den Ingenieurwissenschaften eher die Ausnahme; die meisten Berufungen setzen einen klaren Anwendungsbezug voraus.
Drittmittel: Der zweite Pfeiler der Berufungsfähigkeit
In den MINT-Fächern wird die Fähigkeit zur Drittmitteleinwerbung als nahezu gleichrangig mit der Publikationsleistung bewertet. Berufungskommissionen wollen sehen, dass Sie eigenständig Forschungsmittel eingeworben haben — nicht als Co-PI auf dem Antrag Ihres Doktorvaters, sondern als Hauptantragsteller. Die wichtigsten Quellen:
- DFG-Sachbeihilfe: Der klassische Einzelantrag bei der DFG — der gebräuchlichste Nachweis eigenständiger Mitteleinwerbung. Ob und in welchem Umfang eine Ausschreibung das verlangt, steht in der Ausschreibung; eine allgemeine Voraussetzung ist es nicht.
- DFG-Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs: Beteiligung als Teilprojektleiter zeigt, dass Sie in großen Verbundstrukturen arbeiten können.
- EU-Förderung: Ein ERC Grant ist das stärkste Signal, aber auch MSCA-Projekte oder Horizon-Europe-Verbundprojekte werden positiv bewertet.
- BMBF-Projekte: Besonders in den Ingenieurwissenschaften und der angewandten Informatik relevant.
- Industriedrittmittel: In den Ingenieurwissenschaften ein wesentliches Kriterium, in der Grundlagenphysik oder reinen Mathematik weniger relevant.
Wie wichtig ist internationale Erfahrung?
Ob ein Auslandsaufenthalt verlangt wird, steht in der Ausschreibung; eine allgemeine Voraussetzung nennen die geprüften Quellen nicht. Das Hausberufungsverbot ist etwas anderes und gilt auch nicht überall gleich: § 37 Abs. 2 HG NRW erschwert die Berücksichtigung eigener Hochschulangehöriger, verlangt aber keinen Auslandsaufenthalt — aber darüber hinaus signalisiert ein Auslandsaufenthalt internationale Vernetzung und die Fähigkeit, sich in kompetitiven Umgebungen zu behaupten.
Die typischen Ziele für MINT-Postdocs aus Deutschland sind die USA (MIT, Stanford, Caltech, Berkeley und viele weitere Forschungsuniversitäten), Großbritannien (Cambridge, Oxford, Imperial College London, UCL) und die Schweiz (ETH Zürich, EPFL Lausanne). Auch Aufenthalte in Singapur, Japan oder Israel werden positiv bewertet. Eine Mindestdauer nennen die geprüften Quellen nicht; maßgeblich ist, was die Ausschreibung verlangt. Ob Industrieerfahrung eine Auslandsanforderung ersetzen kann, entscheidet ebenfalls die Ausschreibung.
Fachspezifische Unterschiede innerhalb der MINT-Fächer
Physik
Die Physik ist eines der am stärksten internationalisierten Fächer. Berufungskommissionen schauen intensiv auf Publikationen in Physical Review Letters, Nature Physics und Physical Review-Journals. Forschungsaufenthalte an CERN, Fermilab oder großen internationalen Kooperationen (z. B. LIGO, ATLAS) gelten als starker Qualifikationsnachweis. Wie oft in der Physik habilitiert wird, weist die Fächerstatistik nicht getrennt aus; die Fächergruppe Mathematik, Naturwissenschaften stellt 10 % aller Habilitationen (BuWiK 2025, Abb. B14). Viele der forschungsstärksten Physikfakultäten — etwa an der LMU München, der Universität Heidelberg, der RWTH Aachen oder der Universität Göttingen — berufen regelmäßig Kandidaten, die ausschließlich über Nachwuchsgruppen oder ERC Grants qualifiziert sind.
Informatik
Die Informatik erlebt seit Jahren einen beispiellosen Boom an Professurausschreibungen, angetrieben durch die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Nahezu jede deutsche Universität hat in den letzten fünf Jahren neue Professuren in AI, Data Science, Cybersecurity oder Robotik geschaffen. Gleichzeitig wandern viele potenzielle Kandidaten in die Industrie ab, wo Gehälter bei Google, Meta, Apple oder in deutschen KI-Start-ups ein Vielfaches der W3-Besoldung betragen. Berufungskommissionen kämpfen deshalb zunehmend mit dem Problem, geeignete Kandidaten zu finden, die bereit sind, für eine akademische Karriere auf erhebliches Einkommen zu verzichten. Als Gegenmaßnahme bieten manche Universitäten inzwischen erhöhte Leistungsbezüge oder gemeinsame Berufungen mit Fraunhofer- oder Max-Planck-Instituten.
Ingenieurwissenschaften
In den Ingenieurwissenschaften (Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen, Verfahrenstechnik etc.) wird Industrieerfahrung häufig erwartet; ob und in welchem Umfang, steht in der Ausschreibung. Eine allgemeine Mindestdauer nennen die geprüften Quellen nicht. Bestimmt ist dagegen, was das Hochschulrecht für Professuren an Hochschulen für angewandte Wissenschaften verlangt: fünf Jahre berufliche Praxis, davon drei außerhalb des Hochschulbereichs (Art. 57 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 BayHIG) — für Universitätsprofessuren gilt das nicht. Der typische Karriereweg eines Ingenieurprofessors verläuft daher anders als in der Physik oder Biologie: Promotion an der Universität, dann fünf bis zehn Jahre Industrie (oft bei Bosch, Siemens, BASF, Volkswagen oder vergleichbaren Großunternehmen), dann Rückkehr an die Universität über eine Habilitation oder direkt über einen Ruf. Patente, transferorientierte Projekte und ein tragfähiges Industrienetzwerk wiegen in Berufungsverfahren oft schwerer als der h-Index.
Forschungsstarke Universitäten in den MINT-Fächern
Wer eine MINT-Professur anstrebt, sollte wissen, welche Universitäten besonders forschungsstark sind, denn dort sind die Erwartungen höher, aber auch die Ausstattung und das Prestige. Zu den Spitzenstandorten gehören:
- TU München: Exzellenzuniversität, stark in Informatik, Ingenieurwesen, Physik und Chemie. Häufig Partnerberufungen mit Max-Planck und Helmholtz.
- RWTH Aachen: Führend in Ingenieurwissenschaften und Informatik, enge Verflechtung mit der Industrie.
- Universität Heidelberg: Exzellenzuniversität, besonders stark in Physik, Biologie und Mathematik.
- LMU München: Exzellenzuniversität, herausragend in Physik (Quantenoptik, Teilchenphysik) und Biowissenschaften.
- KIT Karlsruhe: Fusion aus Universität und Helmholtz-Zentrum, stark in Ingenieurwesen, Informatik und Physik.
- TU Dresden: Exzellenzuniversität, aufstrebend in Mikroelektronik, Materialwissenschaften und Informatik.
Typischer Zeitplan: Vom Studium zur Professur
| Phase | Dauer | Kumuliertes Alter (ca.) |
|---|---|---|
| Studium (Bachelor + Master) | 5–6 Jahre | 23–25 |
| Promotion | 3–4 Jahre | 26–29 |
| Postdoc (oft im Ausland) | 2–4 Jahre | 28–33 |
| Emmy Noether / Juniorprofessur / Nachwuchsgruppe | 3–6 Jahre | 31–39 |
| Erster Ruf (W2 oder W3) | — | 33–42 |
Im Fächervergleich liegt das Erstberufungsalter in Mathematik und den Naturwissenschaften bei allen drei Besoldungsgruppen unter dem Gesamtwert, in den Ingenieurwissenschaften ebenfalls bei allen drei (35,1 / 40,3 / 43,2 gegen 35,8 / 42,2 / 43,6; BuWiK 2025, Tab. B12 — die Werte stehen im Abschnitt unten). Am niedrigsten ist es aber nicht durchweg: Bei den W 3-Erstberufungen liegen die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit 42,0 Jahren unter beiden MINT-Fächergruppen. Eine Ursache nennt die Tabelle nicht — sie zeigt Durchschnittsalter, keine Erklärung. Wer den Unterschied mit einer kürzeren Promotionsdauer oder mit strukturierten Programmen erklären will, bräuchte dafür eine eigene Quelle; in den geprüften liegt sie nicht vor. Zur Einordnung der Nachbarfächer siehe Geisteswissenschaften und Jura.
Wann kommt in MINT die erste Professur?
Früher als im Durchschnitt aller Fächer — und der Unterschied ist bei W 2 größer als bei W 3. Die amtliche Statistik weist das Erstberufungsalter nach Fächergruppe aus; für Mathematik und Naturwissenschaften liegt es bei allen drei Besoldungsgruppen unter dem Gesamtwert, für die Ingenieurwissenschaften bei W 1 und W 2 ebenfalls.
| Fächergruppe | Promotion (Median) | Juniorprofessur (W 1) | Habilitation | W 2-Erstberufung | W 3-Erstberufung |
|---|---|---|---|---|---|
| Mathematik, Naturwissenschaften | 29,9 | 34,9 | 41,5 | 40,7 | 42,3 |
| Ingenieurwissenschaften | 31,9 | 35,1 | 43,3 | 40,3 | 43,2 |
| Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften | 29,5 | 36,7 | 40,9 | 43,6 | 47,0 |
| Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften | 31,3 | 35,0 | 41,3 | 41,1 | 42,0 |
| Geisteswissenschaften | 33,7 | 38,2 | 43,8 | 45,5 | 44,2 |
| Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, Veterinärmedizin | 31,1 | 37,0 | 43,9 | 42,2 | 43,5 |
| Sport | 32,7 | 40,7 | 40,5 | 43,8 | 46,0 |
| Kunst, Kunstwissenschaft | 35,4 | 38,2 | 47 | 44,8 | 45,7 |
| Insgesamt | 30,6 | 35,8 | 41,6 | 42,2 | 43,6 |
Durchschnittsalter 2022 in Jahren; Promotion als Median, die übrigen Spalten als arithmetisches Mittel. W 2- und W 3-Erstberufungen: an Universitäten, Theologischen und Pädagogischen Hochschulen, ohne Kunst- und Musikhochschulen. Quelle: BuWiK 2025, Tab. B12, nach Sonderauswertungen und Statistiken des Statistischen Bundesamtes. Die Werte sind der Tabelle entnommen; ein zusammengefasster MINT-Wert wird hier nicht gebildet — er stünde in keiner Quelle.
Zum Vergleich: Die Zahl der Juniorprofessuren lag 2022 bei 1.800 und ist seit 2010 um 46 % gestiegen, die Gesamtzahl der Professuren um 23 %. Die Stationen davor stehen auf Postdoc, Juniorprofessur und Tenure Track; die Gehaltsstufen rechnet der Rechner unter E 13 TV-L, W 1, W 2 und W 3.
Häufige Fragen
Welche Rolle spielt die Habilitation in den MINT-Fächern?
In den MINT-Fächern gilt die Habilitation weithin nicht als der übliche Weg zur Professur; eine Zahl dazu liefern die geprüften Quellen nicht. Als Grund wird genannt, dass sich die internationalen Standards am angelsächsischen Modell ohne Habilitation orientieren. Viele Ausschreibungen verlangen „Habilitation oder gleichwertige wissenschaftliche Leistungen“, wobei eine Emmy Noether-Gruppenleitung oder eine Juniorprofessur in der Regel genügen.
Was ist das Emmy Noether-Programm?
Das Emmy Noether-Programm der DFG gilt als der prestigeträchtigste Weg zur Professur in den MINT-Fächern. Die Geförderten leiten sechs Jahre lang eine eigene Forschungsgruppe, betreuen Doktoranden und werben eigenständig Mittel ein; die Bewilligungsquote ist niedrig.
Wie werden Publikationen in den MINT-Fächern bewertet?
In den MINT-Fächern sind Publikationen in internationalen Fachzeitschriften das zentrale Bewertungskriterium. Beurteilt wird die Qualität unter anderem über den Journal Impact Factor, den h-Index sowie die Zahl der Publikationen als Erst- oder korrespondierender Autor.
Warum zählen in der Informatik Konferenzen mehr als Zeitschriften?
In vielen Teilgebieten der Informatik — etwa Machine Learning, Computer Vision oder Datenbanken — sind Konferenzpublikationen das Leitmedium. Veröffentlichungen auf Konferenzen wie NeurIPS, ICML, CVPR oder SIGMOD gelten als gleichwertig oder höherwertiger als Zeitschriftenartikel, weil die Begutachtungsverfahren sehr selektiv sind und die Ergebnisse schneller verfügbar werden.
Welche Bedeutung haben Drittmittel für eine MINT-Berufung?
In den MINT-Fächern wird die Fähigkeit zur Drittmitteleinwerbung als nahezu gleichrangig mit der Publikationsleistung bewertet. Berufungskommissionen achten darauf, ob Mittel eigenständig als Hauptantragstellerin oder Hauptantragsteller eingeworben wurden. Eine feste Schwelle — etwa ein bewilligter DFG-Antrag — nennen die geprüften Quellen nicht; maßgeblich ist die Ausschreibung.
Ist internationale Erfahrung für eine MINT-Professur notwendig?
Ob ein Auslandsaufenthalt verlangt wird, nennen die geprüften Quellen nicht allgemein. Eine Mindestdauer nennen die geprüften Quellen nicht; maßgeblich ist, was die Ausschreibung verlangt.
Wie groß ist der MINT-Anteil an den Habilitationen?
2022 entfielen 10 % aller 1.535 abgeschlossenen Habilitationen auf die Fächergruppe Mathematik, Naturwissenschaften; die Ingenieurwissenschaften gehören zu den Fächergruppen mit „jeweils deutlich weniger“ (BuWiK 2025, Abb. B14). Die Zahl beschreibt die Verteilung über die Fächergruppen, nicht den Anteil der Habilitation an den Qualifikationswegen innerhalb der MINT-Fächer.
Wie alt ist man in MINT bei der ersten Professur?
Nach Fächergruppen: In Mathematik und Naturwissenschaften 34,9 Jahre bei der Juniorprofessur, 40,7 bei einer W 2- und 42,3 bei einer W 3-Professur; in den Ingenieurwissenschaften 35,1, 40,3 und 43,2 Jahre. Der Gesamtwert über alle Fächer liegt bei 35,8, 42,2 und 43,6 Jahren (BuWiK 2025, Tab. B12, Erstberufungen 2022).
Womit waren die zuletzt Berufenen qualifiziert?
Von 200 Erstberufungen auf Lebenszeit in Mathematik und den Naturwissenschaften 2022 hatten 35 zuletzt eine Habilitation, 59 eine „sonstige habilitationsadäquate Leistung“; in den Ingenieurwissenschaften waren es 22 von 487 mit Habilitation und 275 mit einer Promotion bei einer Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (BuWiK 2025, Tab. B32).
Verliert die Habilitation an Bedeutung?
Als letzte Vorqualifikation vor der ersten Berufung auf Lebenszeit ja: von 20 % (2016) auf 15 % (2022) über alle Hochschulen, an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen von 36 % auf 27 % (BuWiK 2025). Zugenommen haben die sonstigen habilitationsadäquaten Leistungen (11 % auf 15 %).
Die Rolle der KI- und ML-Professuren
Seit etwa 2018 haben deutsche Universitäten massiv in Professuren für Künstliche Intelligenz, Machine Learning und verwandte Gebiete investiert. Die Bundesregierung hatte im Rahmen der KI-Strategie 100 zusätzliche KI-Professuren angekündigt, die tatsächlich auch weitgehend besetzt worden sind. Parallel haben Universitäten eigene Mittel für weitere Stellen mobilisiert. Für Nachwuchswissenschaftler in diesem Bereich ergibt sich eine ungewöhnlich günstige Situation: Die Nachfrage nach qualifizierten Kandidaten übersteigt das Angebot bei weitem, weil Top-Forscher häufig in die Industrie abwandern, wo die Konkurrenz um dieselben Leute groß ist. Wie sich das auf das Berufungsalter in KI und maschinellem Lernen auswirkt, lässt sich nicht beziffern: Die amtliche Statistik weist das Erstberufungsalter nach Fächergruppen aus, nicht nach einzelnen Fächern (der Wert für Mathematik und Naturwissenschaften steht oben).
Häufige Fehler auf dem Weg zur MINT-Professur
- Zu lange auf einer Postdoc-Stelle bleiben: Wer nach der Promotion vier oder fünf Jahre als Postdoc auf derselben Stelle verbleibt, ohne eigene Drittmittel oder eine Nachwuchsgruppe einzuwerben, gerät in eine gefährliche Abhängigkeitsposition. Berufungskommissionen wollen Eigenständigkeit sehen.
- Keine eigenen Drittmittel einwerben: Wo eine Ausschreibung Drittmittelerfahrung verlangt, lässt sie sich durch Publikationen nicht ersetzen. Ob sie verlangt wird, steht in der Ausschreibung.
- Internationale Erfahrung vernachlässigen: Wer seine gesamte Karriere an einer einzigen deutschen Universität verbracht hat, wird bei Berufungen an forschungsstarken Standorten kaum eine Chance haben.
- Lehre ignorieren: Auch in den MINT-Fächern verlangen Berufungsverfahren ein Lehrkonzept und den Nachweis von Lehrerfahrung. Vernachlässigen Sie die Lehre nicht vollständig zugunsten der Forschung.
- Zu spät auf Förderprogramme bewerben: Emmy Noether, ERC Starting Grant und viele Juniorprofessuren haben strikte Fristen nach der Promotion. Informieren Sie sich früh und planen Sie Ihre Bewerbungen gezielt.
Was Berufungskommissionen tatsächlich zuerst anschauen
Eine allgemeine Reihenfolge gibt es nicht — es gibt eine gesetzliche Bindung. In Nordrhein-Westfalen muss die Berufungskommission ihre Entscheidungskriterien vor der Sichtung der eingegangenen Bewerbungen aufstellen, aktenkundig machen und darf sie danach nicht mehr ändern; die Prüfung erfolgt „ausschließlich anhand“ dieser Kriterien, und die pädagogische Eignung ist dabei „in besonderer Weise“ abzubilden (§ 38 Abs. 6 HG NRW). In Bayern sind fachliche, pädagogische und persönliche Eignung im Berufungsvorschlag „eingehend und vergleichend zu würdigen“ und die gewählte Reihenfolge zu begründen; auswärtige und vergleichende Gutachten sind einzuholen (Art. 66 Abs. 5 BayHIG). Was eine einzelne Kommission zuerst liest, ist damit nicht festgelegt — woran sie messen muss, dagegen schon. Die Kriterien der konkreten Stelle lassen sich der Ausschreibung entnehmen; wie das Verfahren weitergeht, steht auf Fragen im Berufungsverfahren und Probelehrveranstaltung.
- Zahl der Professuren / Personalstruktur: Statistisches Bundesamt, „Personal an Hochschulen nach Personalgruppen“, Berichtsjahr 2024 (die früher hier genannte Fachserie führt Destatis nicht mehr).
- Emmy Noether-, Heisenberg-Programm, Drittmittel: DFG, Sachbeihilfe (Einzelförderung).
- ERC Starting Grants (Ergebnisse je Ausschreibung): European Research Council: ERC Starting Grants.
- Kriterienbindung im Berufungsverfahren: HG NRW § 38 Abs. 6 — Fassung gültig ab 4. August 2026; BayHIG Art. 66 Abs. 5 — Text gilt ab 16. Mai 2026.
- W-Besoldung nach Bundesland: Gehalt Professoren (amtliche Landesbesoldungstabellen).
Quellen
Amtliche Primärquellen zuerst; Verbands- und Sekundärquellen sind ausdrücklich als solche gekennzeichnet.
- BuWiK 2025 (BMFTR), Tab. B32 und Abb. B72/B73: letzte Vorqualifikation bei der ersten Berufung auf Lebenszeit 2022 nach Fächergruppen, Zeitvergleich 2016–2022 — Januar 2025; Datengrundlage Sonderauswertung der Hochschulpersonalstatistik. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, abgerufen am 9. September 2026.
- BuWiK 2025 (BMFTR): Bundesbericht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Karrierephase, Abb. B14 (Habilitationen nach Fächergruppen) und Tab. B12 (Durchschnittsalter 2022 nach Fächergruppen) — Januar 2025; PDF, rund 7 MB. Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, abgerufen am 9. September 2026.
- BayHIG Art. 57 Abs. 1 Sätze 3 und 4 (Habilitation, Juniorprofessur, gleichwertige Leistungen, Nachwuchsgruppenleitung) — Text gilt ab 16. Mai 2026 (BayHIG vom 5. August 2022).
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