Lehrportfolio für die wissenschaftliche Karriere: Aufbau, Nachweise und Berufungsverfahren

Karriere & LehreVon Stand: 13. September 2026

Ein Lehrportfolio dokumentiert nicht nur, dass jemand gelehrt hat. Es zeigt, wie Lehre verstanden, geplant, durchgeführt, geprüft und weiterentwickelt wird. Für Berufungsverfahren, HAW-Professuren, Juniorprofessuren und Tenure-Track-Verfahren kann es ein zentraler Nachweis professioneller Lehrkompetenz sein.

Zwei Arten von Portfolio

Ein Lehrportfolio bündelt Lehrprofil, Lehrerfahrung, Lehrformate, Prüfungen, Evaluationen, Weiterbildungen und Beispiele eigener Materialien. Der Unterschied zu einer Liste gehaltener Veranstaltungen ist der Zusammenhang: Welche Ziele verfolgt die Lehrperson, wie gestaltet sie Lernen, wie prüft sie, wie nutzt sie Rückmeldungen?

Zwei Sorten sind auseinanderzuhalten, weil sie verschiedene Leser haben:

  • Entwicklungsportfolio – für die eigene Arbeit und für hochschuldidaktische Zertifikate. Es darf wachsen, Umwege enthalten und auch beschreiben, was nicht funktioniert hat. Sein Wert liegt im Material, das man später nicht mehr rekonstruieren kann.
  • Bewerbungsportfolio – für eine konkrete Ausschreibung. Es ist eine Auswahl aus dem ersten, zugeschnitten auf die Stelle, und wird unter Zeitdruck gelesen. Hier gilt: wenige Beispiele, gut erklärt.

Wer nur das Bewerbungsportfolio kennt, beginnt zu spät. Der Aufwand liegt im Sammeln während des Semesters, nicht im Schreiben drei Wochen vor der Bewerbungsfrist – was in den ersten Semestern abzulegen ist, steht in Einstieg in die Hochschullehre.

Bestandteile und ihr Zweck

Jeder Bestandteil beantwortet eine bestimmte Frage der lesenden Kommission. Wenn die Frage nicht beantwortet wird, kann der Bestandteil entfallen.

  • Lehrprofil und Lehrphilosophie – Wofür steht diese Person fachlich und didaktisch? (1 Seite)
  • Ausgewählte Veranstaltungen – Welche Zielgruppen, welche Gruppengrößen, welche Rolle, welche Prüfungsverantwortung? (Tabelle oder Liste)
  • Beispiel für Alignment – Wie hängen Lernziel, Aufgabe und Prüfung in einer konkreten Veranstaltung zusammen? (1 Seite, siehe Lernziele, Lehrmethoden und Prüfungen)
  • Prüfung und Feedback – Wie wird bewertet, und woran können Studierende das erkennen? (Bewertungsraster als Anlage, siehe Bewertungsraster und Rubrics)
  • Evaluation – Welche Rückmeldungen gab es, mit welchem Kontext? (mit Rücklauf und Gruppengröße, siehe Lehrevaluation)
  • Weiterentwicklung – Was wurde nach welcher Rückmeldung geändert, und was kam dabei heraus?

Was regelmäßig fehlt, ist der letzte Punkt – und er ist der aussagekräftigste. Eine dokumentierte Änderung nach Kritik sagt mehr als jede gute Zahl.

Ein bundesweit verbindlicher Aufbau steht dahinter nicht. Die Geschäftsstelle der Studienkommission für Hochschuldidaktik an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg gibt in ihrem Leitfaden ausdrücklich kein Standardformat vor. Sie schlägt einen Grobaufbau aus fünf Teilen vor: Lehransatz beziehungsweise Lehrphilosophie; Lehrpraxis anhand von zwei bis drei ausgewählten Veranstaltungen; sonstige Aktivitäten und Engagement für Studium und Lehre; Perspektiven für die Lehrtätigkeit; Anlagen und Belege. Als Ziel nennt der Leitfaden, die eigene Lehrtätigkeit zu dokumentieren, zu beurteilen und zu reflektieren. Es gehe dabei nicht um eine vollständige Darstellung, sondern um eine gezielte Auswahl der wesentlichen Leistungen in der Lehre (Leitfaden der Geschäftsstelle, ohne Jahresangabe im Text; Dateistand 2023).

Lehrphilosophie konkret formulieren

Die Lehrphilosophie sollte nicht aus Allgemeinplätzen bestehen. Sätze wie „Studierende stehen im Mittelpunkt“ sind nur überzeugend, wenn konkrete Konsequenzen folgen. Besser ist: Welche Rolle spielt forschendes Lernen? Wie wird Praxisbezug hergestellt? Wie wird mit heterogenen Vorkenntnissen umgegangen? Wie werden Studierende zur Eigenständigkeit geführt?

Eine gute Lehrphilosophie verbindet Fachverständnis, Zielgruppe und didaktische Entscheidungen.

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Evaluationen und Feedback nutzen

Lehrevaluationen gehören ins Portfolio, aber nicht ungefiltert. Sinnvoll sind ausgewählte Ergebnisse mit Kontext: Veranstaltung, Teilnehmendenzahl, Rücklauf, zentrale Rückmeldungen und abgeleitete Verbesserungen. Besonders stark ist der Nachweis, dass Kritik zu konkreten Änderungen geführt hat.

Auch kollegiales Feedback, Hospitationen, Lehrpreise oder hochschuldidaktische Zertifikate können Lehrqualität belegen.

Prüfungen und Betreuung sichtbar machen

Viele Portfolios unterschätzen Prüfungen. Dabei zeigt sich Lehrkompetenz besonders in fairen Prüfungsformaten, klaren Bewertungsrastern, guter Betreuung von Abschlussarbeiten und konstruktivem Feedback. Wer solche Materialien beilegt oder beschreibt, macht professionelle Lehre sichtbar.

Bei HAW-Bewerbungen können praxisnahe Projekte, Transferaufgaben und kompetenzorientierte Prüfungen besonders relevant sein. Bei Universitätsberufungen zählen zusätzlich forschungsnahe Lehrformate, Graduiertenlehre und Promotionsbetreuung.

Die Ausschreibung geht vor

Ein Standardaufbau ist eine Hilfe, keine Vorgabe. Wenn die Ausschreibung oder die Berufungsordnung der Hochschule bestimmte Unterlagen verlangt – ein Lehrkonzept von höchstens zwei Seiten, eine Aufstellung der Lehrveranstaltungen in einer bestimmten Form, Evaluationsergebnisse der letzten drei Jahre –, dann gilt das und nicht eine allgemeine Gliederung.

Praktisch bedeutet das: zuerst die Ausschreibung und die Hinweise der Hochschule lesen, daraus die Gliederung ableiten und erst dann aus dem Entwicklungsportfolio auswählen. Was die Kommission nicht verlangt hat und was nicht zur Stelle passt, bleibt draußen. Berufungskommissionen lesen kein Archiv, sondern suchen ein Lehrprofil.

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Umfang, Inhaltsverzeichnis, Stil

Ein Bewerbungsportfolio wird unter Zeitdruck gelesen. Häufig genannt werden fünf bis zehn Seiten plus Anlagen; verbindlich ist das nicht – wenn die Ausschreibung eine Seitenzahl nennt, gilt sie. Ein möglicher Aufbau:

  1. Lehrprofil (1 Seite)
  2. Übersicht der Lehrerfahrung (1 Seite)
  3. Eine Veranstaltung im Detail: Ziel, Aufbau, Prüfung, Ergebnis (2 Seiten)
  4. Prüfen und Bewerten (1 Seite)
  5. Evaluation und Weiterentwicklung (1 Seite)
  6. Anlagen: Bewertungsraster, Beispielaufgabe, Evaluationsauszug, Zertifikate

Zwei Beispielpassagen

Schwach: „Mir sind Studierende wichtig. Ich lege Wert auf eine angenehme Lernatmosphäre und setze interaktive Methoden ein, um alle mitzunehmen.“ – Der Satz könnte von jeder Person über jede Veranstaltung stehen; er nennt keine Entscheidung und keine Folge.

Konkreter: „In der Einführungsvorlesung (ca. 180 Teilnehmende) haben Klausurergebnisse über zwei Durchläufe gezeigt, dass der Aufgabentyp ‚Modell auf einen Fall anwenden‘ deutlich schwächer ausfiel als Reproduktionsaufgaben. Ich habe daraufhin ab Sitzung 3 wöchentlich eine kurze Anwendungsaufgabe eingebaut und die Klausur um einen Beispielfall im Vorfeld ergänzt. Die Evaluation nennt seitdem die Prüfungsvorbereitung häufiger als hilfreich; ob der Aufgabentyp besser bearbeitet wird, prüfe ich im kommenden Durchlauf.“ – Hier stehen Anlass, Entscheidung, Umsetzung und die offene Frage.

Zweite reflektierte Passage, diesmal zu einem Punkt, der nicht gut lief:

„Im Projektseminar habe ich die Gruppen im ersten Durchlauf frei bilden lassen. Das Ergebnis waren sehr ungleiche Gruppen, und drei Studierende blieben ohne Anschluss. Im zweiten Durchlauf habe ich nach Vorerfahrung eingeteilt und die Rollenverteilung in der Gruppe zur ersten Abgabe gemacht. Die Beschwerden über Trittbrettfahren sind zurückgegangen; ob das an der Einteilung oder an der Rollenabgabe liegt, kann ich nicht trennen, und ich behalte beides bei.“

Beide Passagen haben denselben Aufbau: Anlass, Entscheidung, Umsetzung, Beobachtung – und in der zweiten zusätzlich die offene Stelle. Wer eine Korrektur beschreibt, zeigt damit zugleich, woran sie gemessen wurde; ein Portfolio ohne eine einzige Korrektur lässt diese Frage offen.

Der Maßstab für das ganze Portfolio ist derselbe: Jede Aussage über die eigene Lehre sollte an einem Material hängen, das beiliegt.

Bedeutung im Berufungsverfahren

In Berufungsverfahren kann ein Lehrportfolio die Brücke zwischen Lehrerfahrung, Lehrprobe und Lehrkonzept schlagen. Es zeigt, ob Bewerber:innen Lehre systematisch entwickeln, Feedback nutzen und Prüfungen fair gestalten. Gute Evaluationen kommen dabei gut an, wenn sie nicht isoliert präsentiert werden, sondern als Teil einer reflektierten Lehrentwicklung.

Für Berufungsausschüsse ist besonders überzeugend, wenn Portfolio, Probelehrveranstaltung und Antworten im Berufungsgespräch zusammenpassen.

Kein Nachweis ohne Kommentar

Ein beigelegtes Dokument erklärt sich nicht selbst. Jeder Nachweis braucht zwei Sätze: wofür er steht und was daraus folgt. Ohne diese Einordnung ist ein Portfolio eine Materialsammlung, durch die die Kommission sich selbst eine Geschichte bauen muss.

Die Regel gilt für jede Anlage. Ein Bewertungsraster ohne Kommentar zeigt, dass eines existiert; mit dem Satz „Nach der ersten Anwendung habe ich Kriterium 3 geteilt, weil Struktur und Quellenarbeit sich nicht gemeinsam einstufen ließen“ zeigt es, wie damit gearbeitet wird. Dasselbe gilt für Evaluationen, Beispielaufgaben und Zertifikate.

Der Umkehrschluss: Was sich nicht kommentieren lässt, gehört nicht hinein. Die Empfehlung lautet deshalb, lieber drei kommentierte Anlagen beizulegen als zwölf unkommentierte.

Praxisbeispiel: das Lehrportfolio

Angenommener Fall: Eine Bewerberin für eine HAW-Professur listet nicht nur ihre Veranstaltungen auf. Sie zeigt ein Lehrkonzept, ein Bewertungsraster, Evaluationen mit Rücklaufquote, ein Beispiel für Projektlehre und eine Reflexion zur Weiterentwicklung. Dadurch wird sichtbar, dass ihre Lehrkompetenz nicht behauptet, sondern belegt ist.

Checkliste für die Umsetzung

  • Lehrphilosophie konkret statt generisch formulieren
  • Lehrerfahrung mit Zielgruppen und Prüfungsformen nennen
  • Evaluationen mit Kontext darstellen
  • Materialbeispiele gezielt auswählen
  • Anforderungen der Ausschreibung vor dem Standardaufbau prüfen
  • jede Anlage mit zwei Sätzen einordnen

Abgrenzung und Weiterlesen

Die Bestandteile eines Portfolios entstehen in der laufenden Lehre. Was von Beginn an abzulegen ist, steht in Einstieg in die Hochschullehre. Das Alignment-Beispiel kommt aus Lernziele, Lehrmethoden und Prüfungen, die Bewertungsanlage aus Bewertungsraster und Rubrics, der Evaluationsauszug mit seinem Kontext aus Lehrevaluation. Für Aussagen über Prüfungsverantwortung ist Prüfungsrecht für Dozierende die Grundlage.

Typischer Umsetzungskonflikt

Beim Lehrportfolio entsteht der Konflikt zwischen Vollständigkeit und Lesbarkeit. Viele Nachwuchswissenschaftler:innen sammeln zu spät oder legen später zu viel Material vor. Ein starkes Portfolio ist kuratiert: Es zeigt wenige aussagekräftige Beispiele, erklärt Entscheidungen und verbindet Nachweise mit Reflexion. Woran man ein kuratiertes Portfolio erkennt: Zu jeder Anlage gibt es im Text einen Satz, der erklärt, warum sie beiliegt.

Ein Lehrportfolio sollte außerdem zur Zielstelle passen. Für eine HAW-Professur gehören Praxisbezug, Projektlehre und kompetenzorientierte Prüfungen nach vorn. Für eine Universitätsprofessur können Forschungsnähe, Graduiertenlehre und Betreuung stärker gewichtet werden. Die gleiche Lehrerfahrung wird also je nach Bewerbung anders kuratiert.

So wird aus einzelner Lehrerfahrung ein belastbares Profil, das in Berufungsverfahren schnell erfassbar ist. Sinnvoll ist eine Arbeitsfassung, die laufend Material sammelt, und eine Bewerbungsfassung, die für die konkrete Ausschreibung verdichtet wird. Die Arbeitsfassung darf umfangreich sein; die Bewerbungsfassung muss priorisieren.

Regelmäßige Aktualisierung ist deshalb keine Kosmetik. Nach jeder größeren Lehrveranstaltung sollten Evaluation, Prüfungsform, Materialbeispiel und eigene Reflexion kurz gesichert werden. Wer das erst bei einer Bewerbung nachholt, verliert Details: Welche Änderung hatte welche Wirkung? Welche Rückmeldung war repräsentativ? Welche Lehrentscheidung passt zur Denomination der Zielprofessur?

Häufige Fragen

Was ist ein Lehrportfolio?

Ein Lehrportfolio bündelt Lehrphilosophie, Lehrerfahrung, Lehrformate, Prüfungen, Evaluationen, Weiterbildungen und Beispiele eigener Materialien. Es ist mehr als eine Liste von Veranstaltungen und zeigt den Zusammenhang zwischen Zielen, Gestaltung, Prüfung und Feedback.

Wie ist ein Lehrportfolio aufgebaut?

Zur Grundstruktur gehören Lehrprofil, Lehrerfahrung, didaktische Gestaltung, Prüfen und Bewerten, Evaluation und Entwicklung sowie Nachweise wie Beispielmaterialien, Evaluationen, Zertifikate und Betreuungserfahrung.

Wie sollte die Lehrphilosophie formuliert werden?

Nicht aus Allgemeinplätzen. Sätze wie „Studierende stehen im Mittelpunkt“ überzeugen nur mit konkreten Konsequenzen, etwa zur Rolle forschenden Lernens, zum Praxisbezug oder zum Umgang mit heterogenen Vorkenntnissen.

Wie lang sollte ein Lehrportfolio sein?

Ein Bewerbungsportfolio sollte knapp genug sein, um gelesen zu werden, häufig fünf bis zehn Seiten mit Anlagen. Wichtig ist eine klare Auswahl, denn nicht jede Folie, jede Evaluation und jedes Zertifikat gehört hinein.

Welche Bedeutung hat das Portfolio im Berufungsverfahren?

Es kann die Brücke zwischen Lehrerfahrung, Lehrprobe und Lehrkonzept schlagen und zeigen, ob Bewerber:innen Lehre systematisch entwickeln, Feedback nutzen und Prüfungen fair gestalten. Besonders überzeugend ist, wenn Portfolio, Probelehrveranstaltung und Berufungsgespräch zusammenpassen.

Quellen und Arbeitsstand

Stand: 13. September 2026.